Heute vor vier Jahren starb Jina Mahsa Amini in Teheran nachdem sie von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden war. Ihr Tod wurde zum Ausgangspunkt der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste und zu einem Symbol des Widerstands gegen staatliche Unterdrückung. Vier Jahre später kämpfen Menschen im Iran weiterhin für Freiheit und Selbstbestimmung. Wie steht es heute um den feministischen Widerstand im Iran?
„Liebe Jina, du wirst nicht sterben. Dein Name wird zum Symbol werden.“ Diese Worte schrieb Jina (Mahsa) Aminis Onkel auf den Grabstein seiner Nichte. Er sollte Recht behalten: Jina Aminis Name stand am Anfang der größten landesweiten Protestbewegung gegen die Islamische Republik Irans und ließ erstmals die kollektive Vorstellung entstehen, ein Sturz des Systems sei möglich.
Die 22-jährige Kurdin starb am 16. September 2022, nachdem sie von der Sittenpolizei in Teheran festgenommen worden war, angeblich, weil ihr Kopftuch nicht vorschriftsgemäß saß. Am Tag von Aminis Beerdigung rief eine große Menschenmenge die Parole „Frau, Leben, Freiheit!“ - Frauen nahmen ihre Kopftücher ab und schwenkten sie in der Luft.
In der Folge wurde eine Bewegungskraft freigesetzt, die durch die Verweigerung des Hijabs – Sinnbild der Geschlechterapartheid in Iran – dem System einen Teil seines symbolischen Kapitals entziehen konnte. Heute tragen viele Frauen in Iran selbstbewusst keine Kopftücher mehr. Doch die Proteste beschränkten sich keineswegs nur auf die Frage des Kopftuchs. Vier Jahre nach Aminis Tod, erlebt die feministische Bewegung nicht nur einen schweren Rückschlag, sie kämpft mehr denn je um ihr Überleben.
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Jahrzehntelanger Widerstand der Frauen
Die „Frau, Leben, Freiheit“ Bewegung wuchs aus jahrzehntelangem alltäglichem Widerstand von Frauen gegen das frauenfeindliche iranische Regime. In ihr setzte sich die feministische Auseinandersetzung um das Recht auf den eigenen Körper, die Meinungsfreiheit, die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und die staatsbürgerliche Stellung von Frauen fort.
Die große Bedeutung des Kopftuchs für die Widerstandsbewegung ist darauf zurückzuführen, dass der Kopftuchzwang bereits in den ersten Monaten nach der Errichtung der islamischen Herrschaft zu ihrem Identitätsmerkmal wurde. So löste er die erste große Demonstration gegen die Islamische Republik kurz nach ihrer Gründung aus: Am 8. März 1979 gingen iranische Frauen gegen die Anordnung zur Verschleierung auf die Straße. Aber die staatliche Repression damals und in den folgenden Jahren war so massiv, dass jahrzehntelang keine der säkularen politischen Kräfte die Kopftuchfrage in die Liste ihrer Kampagnenforderungen aufnahm.
Aminis Tod und die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ fielen in eine Zeit, in der die Wut der Frauen über staatliche Gewalt einen Höhepunkt erreicht hatte. Der grausame Mord an Romina Ashrafi, einem 14-jährigen Mädchen aus einem Dorf, dem der eigene Vater wegen seiner Flucht von zu Hause den Kopf abschlug; der Tod der 36-jährigen Kurdin Shiler Rasouli, die sich auf der Flucht vor ihrem Vergewaltiger aus einem Fenster stürzte; die Festnahme der Dichterin und Schriftstellerin Sepideh Rashno in Teheran und das erzwungene Geständnis, das sie im staatlichen Fernsehen ablegen musste, nur weil sie in einem Stadtbus ihr Kopftuch um den Hals gelegt hatte; und die breite Welle von Enthüllungen, in denen Frauen von sexuellen Übergriffen durch männliche Intellektuelle, Prominente, Psychoanalytiker und Universitätsprofessoren berichteten: All dies trug entscheidend dazu bei, die unterschiedlichen Ebenen sexualisierter Gewalt in Iran sichtbar zu machen.
Eine wichtige Rolle dabei spielte die digitale Welt. Vor der allgemeinen Verbreitung des Internets war die Frauenfrage vor allem mit dem Kampf um Gesetzesreformen oder mit dem heimlichen Fortbestehen unabhängiger linker feministischer Zirkel verbunden gewesen. Mit der Ausbreitung digitaler Kommunikationsmittel gelangte die Auseinandersetzung um das Recht auf den eigenen Körper jedoch in die breite gesellschaftliche Öffentlichkeit. Gewalterfahrungen wurden nun nicht mehr nur als individuelle Erlebnisse behandelt, sondern als strukturelles Problem öffentlich verhandelt.
In einem Land, dessen Rechtssystem die Vergewaltigung von Frauen in vielen Fällen nicht als solche anerkennt oder die psychischen und gesellschaftlichen Folgen einer Vergewaltigung vollständig der betroffenen Frau aufbürdet, war die Enthüllung sexualisierter Gewalt im Zuge der #MeToo-Bewegung ein großer Schritt, der an den patriarchalen Fundamenten der Gesellschaft rüttelte. #MeToo brachte eine neue Vorstellung kollektiver Subjektivität der Frauen hervor. Frauen erkannten, dass sie sich unmittelbar aneinander wenden, ihre Gewalterfahrungen miteinander teilen und Formen der Solidarität gegen männliche Übergriffe und Institutionen, die solche Übergriffe reproduzierten, schaffen konnten.
Im digitalen Raum hatte #MeToo die Vorstellung eines weiblichen „Wir“ gegen Gewalt erweitert und die Kampagnen gegen den Kopftuchzwang verbreiteten sich in den sozialen Medien. Aminis Tod brachte diese Vorstellung auf die Straße. Und da der Hijab symbolisch als wichtigste Bastion der Islamischen Republik gesehen wurde, meinten viele, die Aufgabe der Kopftuchpflicht käme dem Sturz des Systems gleich.
Vor Aminis Tod schien dieses System derart gefestigt, dass kaum jemand sich die Möglichkeit eines Sturzes vorzustellen wagte. Aber als nach 44 Jahren Tausende Frauen ohne Kopftuch auf die Straße gingen, schien den meisten Beobachter*innen der Sturz des Regimes nahe. Wie schon am 8. März 1979 riefen die Frauen: „Kein Kopftuch, keine Schläge / Freiheit und Gleichheit“ und warfen ihre Tücher in lodernde Feuer.
Niederschlagung der Proteste und Vereinnahmung der „Frau, Leben, Freiheit“ Bewegung
Die auf Aminis Tod folgende Protestwelle, die den gesamten Iran erfasste, wurde zunehmend brutal niedergeschlagen. Im Januar 2026 gipfelte die Brutalität in einem regelrechten Massaker, als nach einem Aufruf des ehemaligen iranischen Kronprinzen Reza Pahlavi innerhalb von zwei Nächten im ganzen Land Hunderttausende auf die Straße gingen. Tausende Menschen wurden getötet.
Von einigen, die bereits 2022 demonstriert hatten, wurden die Proteste im Januar 2026 als „letzte Schlacht“ gegen das Regime bezeichnet. Sie hielten den Sturz des Systems für wahrscheinlich, da es für sie mit Reza Pahlavi nun einen Anführer gab. In politischen Debatten, besonders in einigen iranischen Exilmedien im Ausland, hieß es bereits einige Zeit vor den Demonstrationen im Januar zunehmend, es sei unerlässlich, sich für den Kampf gegen das System um eine Führungsperson oder politische Vertretung zusammenzuschließen.
Denn aufgrund ihrer führungslosen und dezentralen Struktur besaß die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ für viele nicht die notwendigen Voraussetzungen für einen Sturz des Systems und war deshalb leichte Beute für dessen Versuche der Vereinnahmung. Es gelang der Bewegung nicht, zum bestimmenden Horizont der iranischen Opposition zu werden. So bekamen schon bald rivalisierende Kräfte, die ein tiefes Misstrauen gegenüber feministischen Bewegungen hegen, die Oberhand.
Möglichkeiten und Grenzen des Internets
Eine unabhängige politische Organisierung durch die „Frau, Leben, Freiheit“ Bewegung war innerhalb Irans kaum möglich. Die kollektive Erinnerung an Jahrzehnte der Repressionen, an Hinrichtungen, Folter, erzwungene Migration, Berufsverbote, die Zerschlagung unabhängiger Zusammenschlüsse, den alltäglichen Sicherheitsdruck und die umfassende Kontrolle des öffentlichen Raumes hatte dazu geführt, dass ein entscheidender Teil der politischen Organisierung und Diskurse in den digitalen Raum verlagert wurde.
Bei den Protesten von 2022 konnten sich viele Menschen und Gruppen aufgrund lokaler Aufrufe Feministischer Gruppen und kurdischer Oppositionsparteien im Internet an unterschiedlichen Orten in den Städten versammeln. Neben politischen Aktivist*innen konnten sich dadurch auch zahlreiche Bürger*innen, die zuvor keinen Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Akteuren gehabt hatten, in verschiedenen Straßen der Städte versammeln. Aufrufe, die im Internet kursierten, wurden mündlich weitergegeben. Auch die umfassenden Streiks, die im selben Jahr erstmals die Basare ganz Irans erfassten, wurden über das Internet organisiert.
Onlineplattformen gaben zudem Iraner*innen innerhalb und außerhalb des Landes einen Raum. Menschen, die von der Straße und aus der öffentlichen Sphäre, oder ganz aus ihrem Land verdrängt wurden, konnten sich miteinander verbinden. Ein bedeutender Teil der Strategien im Kampf gegen das Regime wurde dort durch den Austausch eigener Erfahrungen entwickelt. Wenn Organisierung jedoch ausschließlich online stattfindet, zwischen Menschen, die Tausende Kilometer voneinander entfernt sind, bleiben die Möglichkeiten eines Kampfes für den Sturz – oder auch nur für eine Reform – begrenzt.
Und wenn ein Staat wie Iran Plattformen überwachen, sperren oder das Internet vollständig abschalten kann, verschwindet diese Möglichkeit ganz, wie während der großen Proteste im Herbst 2022 oder im Januar 2026.
Mit der Abschaltung des Internets wurde es zunehmend schwieriger, die Demonstrationen und die Organisierung aufrechtzuerhalten. Wenn es vor Ort keine Institutionen und strukturierten Kreise gibt, fragen sich die Protestierenden: Was sollen wir tun, nachdem wir auf die Straße gegangen sind und unser Leben aufs Spiel gesetzt haben? Wohin können wir fliehen? An wen können wir uns wenden, wenn wir medizinische Hilfe benötigen? Woher erfahren wir, wo der nächste Treffpunkt ist? Wo erhalten wir Beratung, wenn wir Gewalt erfahren haben? Wem können wir vertrauen? Wer sind unsere Vertreter*innen, und wie können wir unter den aktiven Personen und Gruppen diejenigen auswählen, die unseren Vorstellungen entsprechen?
Wenn das Politische allein auf der Ebene des Diskurses verbleibt und niemals in der realen politischen Sphäre erprobt wird, treten auch die Strategien des Kampfes und ihre logischen Bruchstellen niemals klar hervor. Zahlreiche feministische Aktivistinnen, die Iran in den vergangenen zwei Jahrzehnten wegen der schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen verlassen hatten, sahen sich während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ plötzlich einer Bevölkerung gegenüber, zu der sie keinen unmittelbaren und wirksamen Zugang hatten.
Diese Unerreichbarkeit wurde noch problematischer, als Journalistinnen wie Nilufar Hamedi und Elaheh Mohammadi wegen ihrer Berichterstattung über Aminis Tod und Beerdigung unter dem Vorwurf der Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten festgenommen wurden, feministische Websites wie Harass Watch mit sicherheitsrechtlichen Urteilen überzogen und Kontakte zu ihnen kriminalisiert wurden und Bürger*innen, die an den Protesten teilgenommen oder feministische Hashtags zur Unterstützung der Bewegung verwendet hatten, vor Gericht gestellt wurden. Zugleich verfügte keine Institution außerhalb des Landes über die notwendige organisatorische Kraft, um unmittelbar zu intervenieren.
Die Frage nach Repräsentation
Inmitten dieser Situation entstanden Fragen nach der Repräsentation der Bevölkerung. Was kann für diejenigen getan werden, die auf der Straße und in den Gefängnissen ihr Leben aufs Spiel setzen? Wer kann von den Erfahrungen derjenigen sprechen, die unmittelbar der Repression ausgesetzt sind? Wie lässt sich ein Gleichgewicht herstellen zwischen der Notwendigkeit, die Stimmen aus dem Inneren des Landes hörbar zu machen, und den Gefahren, die mit der medialen Darstellung ihrer Erfahrungen einhergehen?
Der feministischen Bewegung fehlten wirksame Institutionen, die in einem beständigen Verhältnis zur Gesellschaft standen und diese gesellschaftliche Energie in eine dauerhafte politische Organisierung hätten überführen können. Und eine breite soziale Bewegung, die unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen allein aufgrund ihrer Opposition zum Staat auf die Straße bringt, kann genauso alte Ordnungen reproduzieren, wie sie befreiende Kräfte in sich trägt.
Das feministische Verständnis des Kampfes innerhalb der Jina-Bewegung konnte zwar eine neue Vorstellung von Freiheit hervorbringen, das Leid marginalisierter Gruppen sichtbar machen, ihrer Wut Legitimität verleihen und zum Motor der Proteste werden. Es repräsentierte jedoch nicht sämtliche Gruppen, die auf die Straße gingen. Die beteiligten Kräfte waren sich über die Bedeutung von Freiheit oder über die politische Zukunft nicht unbedingt einig. Einige Menschen zogen die unmittelbare Forderung nach einem Sturz des Systems einem schrittweisen Kampf von unten vor.
„Mann, Vaterland, Wohlstand“
Viele Demonstrierende suchten vor allem nach einem starken politischen Führer, der ihr Land aus den Klauen der Islamischen Republik befreien und aus seiner als erniedrigend empfundenen internationalen Stellung retten sollte. Die Parole „Mann, Vaterland, Wohlstand“, die schon in den ersten Tagen der Bewegung unmittelbar nach „Frau, Leben, Freiheit“ zu hören war, gehörte zwar keiner bestimmten politischen Strömung unter den Protestierenden. Sie verwies jedoch auf einen autoritären politischen Ansatz, dem zufolge die Rettung des Mutterlandes nur durch einen starken – männlichen – Führer möglich war.
Für einige der Demonstrierenden, von denen zahlreiche einen hohen Preis für ihre Teilnahme an den Protesten zahlten, stand „Mann, Vaterland, Wohlstand“ nicht zwangsläufig im Widerspruch zur Freiheit der Frauen. Die Parole galt ihnen vielmehr als Ausdruck nationaler Verantwortung, des Wiederaufbaus und eines Endes der internationalen Erniedrigung und des wirtschaftlichen Drucks der vergangenen Jahrzehnte.
Die einfache Antwort, die diese Parole auf die Frage nach der Bedeutung des Kampfes und nach seinem Endpunkt gab, machte sie rasch zu einer der beliebtesten unter unterschiedlichen und bisweilen miteinander verfeindeten politischen Lagern: unter Anhänger*innen der Monarchie, unter reformistischen und konservativen Kräften innerhalb des Systems sowie unter zahlreichen Bürger*innen, die sich selbst als „iranische Patriot*innen“ bezeichneten, ohne sich einer bestimmten politischen Strömung verbunden zu fühlen. Die Parole war so populär, dass selbst in dem viel gelobten Lied „Baraye“ von Shervin Hajipur, das zu Beginn des Jina-Aufstands veröffentlicht wurde, die Trias „Mann, Vaterland, Wohlstand“ unmittelbar vor „Frau, Leben, Freiheit“ zu hören ist und den leidenschaftlichen Abschluss des Liedes einleitet.
Zugleich stand diese Parole der Geschlechterpolitik des Systems derart nahe, dass der heutige Präsident Irans, Masoud Pezeshkian, unter dem bei den Protesten Tausende Menschen getötet wurden, das Lied ohne Weiteres in seinem Wahlkampf 2024 einsetzen konnte.
Die Verschiebung des Schwerpunkts
„Mann, Vaterland, Wohlstand“ lässt sich daher nicht nur als Parole verstehen, sondern als Ausdruck einer bestimmten politischen Vorstellungswelt: einer, in der das zentrale politische Subjekt ein Mann ist, der sich selbst als Vertreter der Nation, als Beschützer des Vaterlandes und als Erbauer der nationalen Zukunft begreift.
Begann für die „Frau, Leben, Freiheit“ Bewegung das Politische beim Alltag, bei geschlechtsspezifischer Gewalt und bei der Freiheit des Körpers, so führt „Mann, Vaterland, Wohlstand“ es wieder auf die Nation, den Staat, den Führer und die nationale Rettung zurück. Aus dieser Perspektive ist „Mann, Vaterland, Wohlstand“ entgegen den Behauptungen seiner Anhänger*innen keine Ergänzung zu „Frau, Leben, Freiheit“, sondern ein Versuch, dessen Schwerpunkt zu verlagern.
Dieselbe Verschiebung lässt sich in den Entwicklungen nach den Protesten im Januar 2026 beobachten. Mit der Schwächung der Zivilgesellschaft, den massenhaften Festnahmen von Aktivist*innen, der erzwungenen Migration eines großen Teils der gesellschaftlichen Kräfte und dem Fehlen tief verwurzelter politischer Organisationen setzte sich die Forderung nach einer einheitlichen Führung allmählich gegenüber dem Wunsch nach Pluralität und einer Organisierung von unten durch.
Unter diesen Bedingungen präsentierte sich die monarchistische Strömung als einzige bereits verfügbare Alternative für eine Übergangsphase. Der politische Streit verlagerte sich nach und nach von der Frage nach Freiheit und Gleichheit auf die Frage der Nachfolge an der Macht. Im Zuge dieser Verschiebung wurde „Frau, Leben, Freiheit“ für einen Teil der Regimegegner zu einer unzureichenden Parole, teilweise sogar zu einem Hindernis auf dem Weg zum sofortigen Sturz des Systems.
Die Verschärfung der staatlichen Gewalt, die Tötung von Demonstrierenden im Januar 2026 und schließlich der Krieg seit Ende Februar dieses Jahres vertieften diese Entwicklung. Unter Bedingungen, in denen die körperliche Sicherheit, der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern und die Aufrechterhaltung des Alltags zu den größten Sorgen geworden waren, begriffen viele Menschen Politik erneut aus der Perspektive des Staates, der Sicherheit, der Grenzen und der Geopolitik.
„Nicht die richtige Zeit“
Feministinnen, die weiterhin die Gewalt gegen Frauen, die Ablehnung des Krieges oder die Kritik am Autoritarismus in den Mittelpunkt stellten, wurden mitunter beschuldigt, den unmittelbar bevorstehenden Sturz des Systems zu behindern. Auf diese Weise kehrte dieselbe Erzählung, die Frauen in den ersten Jahren nach der Revolution von 1979 entgegengehalten hatte, „jetzt sei nicht die Zeit für die Forderungen der Frauen“, in neuer Gestalt zurück – dieses Mal nicht nur vonseiten des Regimes, sondern auch in großen Teilen der Opposition und der Bevölkerung.
An diesem Punkt wird die eigentliche Bedeutung von „Frau, Leben, Freiheit“ sichtbar. Die Bewegung forderte nicht lediglich mehr Rechte für Frauen, sondern verschob den Ausgangspunkt des Politischen. Beginnt eine männlich geprägte Politik bei der Nation, dem Staat, dem Führer, der Sicherheit oder geopolitischen Auseinandersetzungen, so beginnt „Frau, Leben, Freiheit“ bei der individuellen Freiheit, bei den Überschneidungen unterschiedlicher Formen von Unterdrückung, bei Verletzlichkeit und Fürsorge, bei gelebten Erfahrungen und beim Alltag. Deshalb richtet sie sich nicht nur gegen die Islamische Republik, sondern gegen jede Ordnung, die Menschen ausschließlich als Nation, als Soldat*innen, als gehorsame Bürger*innen oder als geopolitische Subjekte darstellt.
„Mann, Vaterland, Wohlstand“ bezeichnet weniger eine bestimmte politische Strömung, sondern die Rückkehr einer Logik, die sich in Krisenzeiten stets aufs Neue reproduziert. Sie kann in Gestalt der Islamischen Republik, des Monarchismus, eines säkularen Nationalismus oder sogar bestimmter antiimperialistischer Erzählungen auftreten. Auch wenn sich diese Strömungen in ihren Antworten auf die Frage der Macht unterscheiden – die Art und Weise, in der sie das politische Subjekt entwerfen, ist gleich.
Deshalb sollte das wichtigste Vermächtnis von „Frau, Leben, Freiheit“ nicht ausschließlich in den kurzfristigen politischen Errungenschaften der Bewegung gesucht werden. Ihre Bedeutung besteht darin, eine andere Möglichkeit eröffnet zu haben, Politik zu denken: eine Möglichkeit, in der die Freiheit der Frauen keine nachrangige Forderung, sondern die Voraussetzung für die Freiheit aller ist.
Solange Politik durch die Logik des männlichen Retters, die Größe der Nation oder geopolitische Notwendigkeiten definiert wird, werden stets die Stimmen zu hören sein, die sagen: „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ Diesen permanenten Aufschub stellt „Frau, Leben, Freiheit“ infrage. Kein Projekt der Befreiung sollte die Freiheit der Frauen auf eine unbestimmte Zukunft vertagen.
Übersetzung: Omid Rezaee